Archiv der Kategorie: Zwangsstörung und Zwangsgedanken

Zwangsstörung
als Thema der Sexualtherapie

Eine Zwangsstörung ist für die Betroffenen eine große Belastung. Das sind eigene Handlungsmuster und Gedanken, die sich gegen den eigenen Willen über einen längeren Zeitraum (mehr als zwei Wochen) regelmäßg wiederholen und zutiefst unangenehm sind. Oft entwickelt sich eine Zwangsstörung im sexuellen Bereich. Sexuelle Zwangsgedanken können sehr verstörend und auch gewaltsam sein.

Beispiele für solche zwanghaften Verhaltensweisen und Vorstellungen finden sich in den nachfolgenden Artikeln. Typisch sind z.B. sexuelle Zwangsgedanken, die um die eigene sexuelle Orientierung drehen („Bin ich homosexuell?“), obwohl ich eigentlich kein sexuelles Interesse am anderen Geschlecht habe.

Sexuelle Zwangsgedanken können aber auch unangenehme sexuelle Fantasien sein, die einen verfolgen, oder auch massive Eifersuchtszustände, in denen sich die Betroffenen plastisch ausmalen, wie ihr Partner oder ihre Partnerin fremdgeht.

Ca. 2-3 Prozent der Bevölkerung sind in ihrem Leben von Zwangsstörungen betroffen.
Zwangsgedanken

Die Erkrankung beginnt oft schon in der Pubertät. Verschlimmerungen können schubweise durch besondere Lebensumstände ausgelöst werden, z.B. Schwangerschaft, Arbeitslosigkeit.

Die Ursache der Erkrankung liegt nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen meist sowohl an einer Störung des Hirnstoffwechsels (also einer rein körperliche Ursache, die mit Medikamenten behandelt werden kann) als auch in eingeübten Gedankenmustern, die eine psychotherapeutische Behandlung erfordern. Die Lebensqualität kann bei manchen Menschen so sehr darunter leiden, dass Suizidrisiko besteht.

Deshalb ist eine Zwangsstörung als Krankheit immer sehr ernst zu nehmen. Eine ärztliche oder therapeutische Behandlung ist unbedingt angebracht.

Häufig gelesene Artikel hier im Blog zum Thema

Was ist HOCD? (Homosexuelle Zwangsgedanken- Homosexual Obsessive Compulsive Disorder)

HOCD Homosexual Obsessive Compulsive Disorder

HOCD Homosexual
Obsessive Compulsive Disorder

HOCD- Was bedeutet das?

Dr. Michael Petery über HOCD-Homosexuelle Zwangsgedanken und die Therapiemöglichkeiten

In den USA ist HOCD längst als psychische Erkrankung bekannt, während sich die Sexualtherapie in Deutschland bislang nur wenig mit dem Thema beschäftigt hat. Beispielsweise hat das Center for Treatment of Anxiety and Mood Disorders in Florida zu dem Thema eine Reihe interessanter Informationen auf der eigenen Website zusammengestellt.

HOCD Homosexual Obsessive Compulsive Disorder ist eine spezielle Form der Zwangsstörung. Es gelten die gleichen Diagnosekriterien wie für Zwangsstörungen allgemein (nach ICD-10):

  • Die Zwangsgedanken werden als eigene Gedanken erlebt.
  • Der/die Betroffene leistet gegen die Gedanken inneren Widerstand.
  • Der Zwangsgedanke wird als unangenehm empfunden und nicht als lustvoll.
  • Die Zwangssymptome wiederholen sich immer wieder und beschäftigen den/die Betroffene mindestens 2 Wochen lang an den meisten Tagen.

Das Besondere an HOCD Homosexual Obsessive Compulsive Disorder ist, dass der Inhalt der Zwangsgedanken sich auf die Frage konzentriert: Bin ich homosexuell oder nicht? Dazu kommen möglicherweise weitere zwanghafte Verhaltensweisen, z.B. Selbsttests mit Betrachten von Gay- bzw. lesbischer Pornografie, um zu prüfen, ob Menschen eigenen Geschlechts eine/n vielleicht sexuell erregen.

Im deutschen Sprachraum gibt es dazu bislang nur sehr wenig Veröffentlichungen- und kaum Therapeuten, die sich mit dem Störungsbild „Homosexuelle Zwangsgedanken“ geschäftigen. Eine Ursache dafür liegt sicherlich daran, dass sexualtherapeutische Fragestellungen in den meisten psychotherapeutischen Ausbildungen entweder gar nicht oder nur sehr am Rande vorkommen.

Der Unterschied zwischen Homosexualität
und homosexuellen Zwangsgedanken

Homosexuelle Zwangsgedanken sind etwas völlig anderes als Homosexualität. Homosexualität ist eine als lustvoll erlebte Form menschlicher Sexualität zwischen Menschen gleichen Geschlechts- homosexuelle Zwangsgedanken sind die psychische Störung eines einzelnen betroffenen Menschen, der an diesen Gedanken leidet.

Typisch für homosexuelle Zwangsgedanken sind folgende Symptome (die nicht notwendigerweise alle gleichzeitig vorliegen müssen):

  • Oft kennen Betroffene auch andere Formen der Zwangsstörung, z.B. die Sorge, an einer schweren Krankheit zu leiden, oder Angst davor zu haben, sich selbst oder anderen Menschen ohne es zu wollen etwas anzutun.
  • Unwillentliches, aber sehr intensives Nachdenken über die eigene sexuelle Identität
  • Ständiger Wunsch, sich selbst zu versichern, man sei sexuell „normal“
  • Angst davor, Menschen gleichen Geschlechts zu nahe zu kommen, aus dem Gefühl heraus, das könnte eigene Homosexualität fördern
  • Angst davor, andere könnten einen aufgrund bestimmter Anzeichen für schwul/lesbisch halten
  • Homosexuelle Fantasien beängstigen die Betroffenen und bereiten keine Lust
  • Die erotische Anziehung fehlt in Bezug auf das eigene Geschlecht
  • Selbstkorrektur von Verhaltensweisen, die aus eigener Sicht homosexuell wirken könnten: Z.B. steht ein Mann vom Stuhl auf uns setzt sich nochmal, aus Angst, das erste Hinsetzen hätte irgendwie feminin wirken können
  • Angst, die Begegnung mit einem homosexuellen Menschen könnte eigene Homosexualität wachrütteln


Typisch für tatsächliche Homosexualität sind folgende Anzeichen:

  • Homosexuelle Fantasien machen den Menschen, die sie haben, Spaß und werden als lustvoll erlebt (auch dann, wenn die eigene Homosexualität anderen gegenüber versteckt wird oder sich Betroffene wegen ihrer Homosexualität schämen)
  • Homosexuelle Menschen bevorzugen gleichgeschlechtliche Sexualpartner (eigentlich eine Binsenweisheit- aber das ist definitiv das Kriterium!)

HOCD-
Mögliche Ursachen

Homosexuelle Zwangsgedanken können die gleichen Ursachen haben wie andere Zwangsstörungen auch. Voraussetzung, an HOCD zu erkranken, ist eine gewisse Vulnerabilität (Anfälligkeit), die genetisch begründet sein kann oder auch durch eine andere psychische Erkrankung (z.B. Depression) ausgelöst wird.

Auffallend oft habe ich in meiner Praxis Patienten und Patientinnen erlebt, die kurz vor Ausbruch der homosexuellen Zwangsgedanken Drogen (insbesondere Cannabis) oder Alkohol (in gesundheitsgefährdender Weise) konsumiert haben.

Homosexuelle Zwangsgedanken scheinen häufig ein Ausdruck für andere psychische Probleme zu sein, die dahinter liegen und häufig dem bzw. der Betroffenen bewusst gar nicht klar sind.

Das kann etwa eine depressive Erkrankung sein, weger der sich der bzw. die Betroffene schlecht fühlt, die aber als solche nicht recht benennbar ist. Da ist es in gewisser Hinsicht leichter zu denken: „Ich fühle mich schlecht, weil ich unsicher bin, ob ich nicht homosexuell oder lesbisch sei könnte.“ Die fortwährende Beschäftigung mit dieser Frage verschlimmert zwar in der Regel das eigene Unwohlsein- aber immerhin gibt es jetzt einen scheinbaren Grund dafür: Es ist die Ungewissheit, möglicherweise homosexuell/lesbisch zu sein, die einen sich selber schlecht fühlen lässt.

Andere mögliche Gründe sind berufliche oder private Fehlschläge (z.B. das Verlassenwerden durch die eigene Freund/Freundin). Im letztgenannten Beispiel kann es für Betroffene zunächst eine (scheinbare) Erleichterung sein, sich in die Frage möglicher eigener Homosexualität hineinzuversenken, statt über die beendete Beziehung zu trauern und mögliche Ursachen zu ergründen.

HOCD- Traumatische Erfahrungen
als alternative Ursache

Ebenfalls häufig sind mir in meiner Praxis Menschen begegnet, die in ihrer Kindheit homosexuellen Übergriffen ausgesetzt waren. Dabei waren die „Täter“ in der Regel ältere Jugendliche, die vermutlich selbst Opfer sexueller Misshandlung gewesen sind und diese Übergriffe selbst an Jüngere weitergeben. Mögliche Übergriffe können sein: Zwang zum gemeinsamen Ansehen von Pornografie, Zwang zur Entblößung, Zwang zu sexuellen Handlungen.

Wenn solche Übergriffe in einer Zeit stattfinden, in der ein Kind noch keine Möglichkeit hat, Sexualität als solche zu begreifen und zu verstehen, kann es dazu kommen, dass sich im Gehirn keine klare Erinnerung an solche Vorfälle abspeichert (sogenanntes „cold memory“), sondern sich vielmehr ein ganzer Cocktail an Erinnerungsfetzen einprägt, die sich später gegenseitig triggern können (sogenanntes „hot memory“).

So kann es beispielweise eine „Erinnerungswolke“ geben, in der sich die folgenden Vorstellungen miteinander verbinden:

  • Ich tue etwas Verbotenes.
  • Ich tue etwas Aufregendes.
  • Das tut mir weh.
  • Das bereitet mir irgendwie Lust.
  • Ich habe es nicht gewollt.
  • Aber der andere hat gesagt: Du hast es doch auch gewollt.
  • Ich darf darüber nicht sprechen.
  • Irgendwie war der/die andere doch mein Freund/meine Freundin.
  • So richtig ist da gar nichts gewesen.

Später im Leben kann dann irgendein erinnertes Detail ein solches Erlebnis wieder wachrufen („triggern“) und die ganze emotionale Unsicherheit, die damals erlebt wurde, wieder in die Gegenwart ziehen, insbesondere die Frage:

Hab ich damals nicht doch das homosexuelle Erlebnis als angenehm empfunden? Habe ich es nicht schon damals irgendwie auch selber gewollt und genossen?

HOCD Homosexual Obsessive Compulsive
Disorder: Therapeutische Möglichkeiten

Für die Therapie von HOCD Homosexual Obsessive Compulsive Disorder scheint mir eine gründliche Diagnostik die entscheidende Voraussetzung, insbesondere die Abklärung, ob es sich tatsächlich um eine Form der Zwangsstörung handelt oder um eine Traumafolgestörung.

Ferner muss ausgeschlossen sein, dass nicht doch eine Form der Homosexualität vorliegt, die sich der Betroffene aus gesellschaftlichen Gründen (z.B. durch ein rigides ethisches Regelwerk) nicht eingestehen möchte.

Nach der Diagnosestellung bieten sich folgende Therapieverfahren an:

Verhaltenstherapeutische Sofortmaßnahmen

Unser Hirn schafft bevorzugte neuronale Verbindungen für Gedanken, die besonders häufig gedacht werden. D.h.: Wenn ich häufig über mögliche eigene Homosexualität nachdenke, schlägt mir mein Hirn laufend vor, über dieses Thema wieder und wieder nachzudenken- ähnlich wie der Computer mit seiner Liste zuletzt aufgerufener Dateien.

Solche gedanklichen Fixierungen werden erlernt- und können folglich auch wieder verlernt werden. Dabei hift es allerdings nicht, zu denken: Ich will jetzt keine homosexuellen Zwangsgedanken denken! Denn mit genau diesem Gedanken bin ich schon wieder mitten drin in der gedanklichen Verstrickung. Unser Gehirn kennt keine negativen Vorstellungen (etwas NICHT zu denken). Wenn ich Sie auffordere: „Stellen Sie sich KEINEN rosa Elefanten vor!“, dann können Sie nicht anders, als an einen rosa Elefanten zu denken.

Deshalb geht es bei verhaltenstherapeutischen Verfahren bei HOCD Homosexual Obsessive Compulsive Disorder darum, Techniken zu erlernen, das eigene Denken mit anderen Gedanken zu erfüllen, die weniger schädlich bzw. sogar förderlich für das Selbstbefinden sind.

Ursachenforschung

Homosexuelle Zwangsgedanken entstehen nicht einfach so, sondern haben eine psychische Ursache. Diese Ursache ist den meisten Betroffenen zu Therapiebeginn selber nicht recht klar. Oft dienen Zwangsgedanken dazu, Betroffene davon abzuhalten, andere, noch unangenehmere Themen anzugehen und aufzuarbeiten.

Eine genaue Analyse der Auslösefaktoren kann helfen, das Entstehen von HOCD Homosexual Obsessive Compulsive Disorder zu verstehen. Und dieses Wissen kann für Betroffene ein erster Schritt sein, sich um die Bearbeitung der auslösenden Umstände zu kümmern. Im Rahmen einer solchen Aufarbeitung entfällt dann nach und nach die Notwendigkeit, diese Zwangsgedanken denken zu müssen.

Therapeutische Methoden zur Ursachenforschung können biografische Gespräche sein, aber auch tiefenpsychologische und psychoanalytische Verfahren wie z.B. die Analyse von Träumen.

Traumatherapie bei Missbrauchserlebnissen

Bei sexuellen Missbrauchserlebnissen (und das muss keineswegs eine physische Vergewaltigung sein- es reicht jede ungewollte Konfrontation mit Sexualität durch Übergriffigkeit eines anderen Menschen!) kann es, wie schon oben beschrieben, zu einer Traumatisierung kommen.

Hirnphysiologisch ist damit gemeint, dass ein solches Erlebnis als „Gefühlswolke“ (hot memory) in der Amygdala gespeichert ist und jederzeit durch bestimmte Auslöser getriggert werden kann, so dass die Gegenwart komplett von dieser Gefühlswolke geprägt ist.

Therapeutisches Ziel ist es, die andere Form menschlicher Erinnerungsfähigkeit (das sogenannte cold memory im Hippocampus) anzuregen und daran zu arbeiten, das traumatische Erlebnis in die Zeitlinie der eigenen Biografie einzubinden. Je mehr diese bewusste Form der Erinnerung gestärkt wird, desto geringer wird die Gefahr, dass aktuelle Trigger die Gefühlswolke des traumatischen Erlebnisses wieder hervorholen.

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© M.Petery.

Wenn Sie dazu weitere Fragen haben, freue ich mich über Ihre Nachricht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. hum. biol. Michael Petery

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Sexuelle Zwangsgedanken-
wie wird man sie los?

Sexuelle ZwangsgedankenSexuelle Zwangsgedanken

Sexuelle Zwangsgedanken-
wenn Fantasien zur Qual werden

Menschen denken häufig an Sex: nach einer Studie der Ohio State University aus dem Jahr 2011 denken Männer tagsüber durchschnittlich etwa alle 30 min einmal an Sex, Frauen ungefähr alle 60 min (was übrigens ungefähr der Häufigkeit entspricht, mit der wir an Essen und Trinken denken).

Sexuelle Zwangsgedanken
erkennen und richtig einordnen

Die meisten Menschen empfinden sexuelle Gedanken als angenehm. Und aus Sicht der Sexualtherapie ist ein solches regelmäßiges Denken an Sex bzw. Essen sogar ein Zeichen psychischer Gesundheit und Selbst-Achtsamkeit. Gesund ist ein Mensch, der auf seine Bedürfnisse achtet- fehlende Selbst-Achtsamkeit macht krank.

Wo liegt also die Grenze zwischen gesunden Gedanken an Sex und sexuellen Zwangsgedanken? Die Häufigkeit, mit der ein Mensch an Sex denket, ist für sich allein KEIN Kriterium dafür, dass sexuelle Zwangsgedanken vorliegen.

Was genau sind eigentlich
sexuelle Zwangsgedanken?

Nach der ICD-10, dem Krankheitenkatalog der Weltgesundheitsorganisation, müssen folgende Bedingungen vorliegen, damit es sich bei solchen Gedanken tatsächlich um ZWANGS-Gedanken handelt:

  • Die Gedanken werden als zur eigenen Person gehörig erlebt.
  • Die Gedanken sind nicht angenehm.
  • Die Gedanken wiederholen sich fortwährend und dauern zeitlich mindestens 2 Wochen an (bis hin zu Jahren).
  • Versuche, dieses Denkkarussell zu durchbrechen, sind meist erfolglos.

Zwangsstörungen sind für die Betroffenen eine große Belastung. Ca. 2-3 Prozent der Bevölkerung sind in ihrem Leben von Zwangsstörungen betroffen.

Die Erkrankung beginnt oft schon in der Pubertät. Verschlimmerungen können schubweise durch besondere Lebensumstände ausgelöst werden, z.B. Schwangerschaft, Arbeitslosigkeit.

Die Ursache der Erkrankung liegt nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen meist sowohl an einer Störung des Hirnstoffwechsels (also einer rein körperliche Ursache, die mit Medikamenten behandelt werden kann) als auch in eingeübten Gedankenmustern, die eine psychotherapeutische Behandlung erfordern. Die Lebensqualität kann bei manchen Menschen so sehr darunter leiden, dass Suizidrisiko besteht.

Deshalb ist eine Zwangsstörung als Krankheit immer sehr ernst zu nehmen. Eine ärztliche oder therapeutische Behandlung ist unbedingt angebracht.

Was sind keine sexuelle Zwangsgedanken?

Keine sexuellen Zwangsgedanken sind gemäß obiger Definition der Weltgesundheitsorganisation:

  • Angenehme erotische Fantasien
    Auch wer sehr oft an Sex denkt, hat deswegen noch lange keine sexuellen Zwangsgedanken. Denn Häufigkeit allein ist kein Kriterium für Zwangsgedanken. Damit ein sexueller Gedanken ein Zwangsgedanke ist, muss hinzukommen, dass dieser Gedanke als unangenehm erlebt wird. Im Extremfall sind demnach sogar sexuelle Gewaltfantasien dann keine Zwangsgedanken, wenn sie dem Denkenden Lust bereiten und ihn nicht selber bedrücken.
  • Vorübergehende unangenehme sexuelle Gedanken
    Unangenehme sexuelle Gedanken können aus eigenen Erlebnissen, aber auch aus einem Film oder einem Buch herrühren und einen durchaus einige Tage lang beschäftigen. Solange sich solche Gedanken aber nicht festsetzen und nicht mehr als zwei Wochen lang das Denken beschäftigen, handelt es sich nicht um Zwangsgedanken.
  • Leicht beängstigende sexuelle Fantasien, die Lust bereiten
    Auch leicht beängstigende sexuelle Fantasien (wie z.B. Fantasien von Gewalt, Fetisch oder Homosexualität) sind keine sexuellen Zwangsgedanken, wenn sie letztlich dazu dienen, die sexuelle Lust zu erhöhen. Ein Zwangsgedanke liegt nur dann vor, wenn der Gedanke in keiner Weise als angenehm empfunden wird (und auch nicht zur erotischen Selbststimulation dient).
  • Häufiger Pornokonsum
    Auch mehrmals täglicher Pornokonsum oder der Wunsch nach solchem hat mit dem Thema sexuelle Zwangsgedanken nichts zu tun, solange das betroffene Individuum darunter nicht leidet. Zu prüfen wäre nur, ob es sich um Pornosucht handeln könnte- was aber etwas anderes ist als Zwangsgedanken.

Beispiele für sexuelle Zwangsgedanken

Der Inhalt sexueller Zwangsgedanken kann individuell sehr unterschiedliche sein. In diesem Blog habe ich einige typische Fallbeispiele gesammelt:

  • Homosexuelle Zwangsgedanken (vgl. Fallbeispiel)
    Homosexuelle Zwangsgedanken liegen vor, wenn ein heterosexuell veranlagter Mensch regelmäßig und zwanghaft von dem Gedanken gequält wird, ob er denn möglicherweise homosexuell sein könnte.

    Kennzeichen dafür, dass es sich tatsächlich um Zwangsgedanken handelt, ist, dass diese Gedanken als unangenehm und unangebracht empfunden werden und keinerlei sexuelle Lust bereiten. Zu solchen homosexuellen Zwangsgedanken kann auch die Zwangshandlung hinzukommen, sich regelmäßig als „Selbsttest“ Schwulenpornos anzusehen- obleich das Ansehen keinerlei Lust erzeugt und möglicherweise sogar Ekelgefühle hervorruft.

    Aber Vorsicht vor einem zu schnellen Urteil:
    Wenn das Ansehen der Schwulenpornos zwar keine Lust erzeugt, aber auch nicht als unangenehm empfunden wird, ist es möglich, dass der Betroffene schlicht nur unsicher in seiner eigenen sexuellen Rollenfestlegung ist. Die ausbleibende Erregung bei Schwulenpornos hätte dann die Ursache in der Angst, sich selbst die eigene Homosxualität oder Bisexualität einzugestehen.

  • Ständige Eifersucht (vgl. Fallbeispiel)
    Ständige Eifersucht wegen mögicher sexueller Fehltritte des Partners (ohne dass dafür irgendwelche tatsächliche Anhaltspunkte vorliegen), ist eine häufige Form sexueller Zwangsgedanken. Das kann soweit gehen, dass zwanghaft immer wieder ganze Szenarien über die fantasierte Untreue des Partners bzw. der Partnerin durchgedacht werden müssen.

    Hier handelt es sich eindeutig um sexuelle Zwangsgedanken, wenn
    1. diese Gedanken tatsächlich nur unangenehm sind (und nicht eine doch irgendwie verquere, aber lustbringende Fantasie)
    2. das Wissen da ist, dass diese Vorstellungen keinen Anlass in der Wirklichkeit haben (ansonsten wäre das eine Wahnvorstellung).

  • Weitere Beispiele

Was könnten unangenehme wiederkehrende
sexuelle Gedanken noch sein?

  • Angstbesetzte sexuelle Gedanken
    Viele sexuell erregende Fantasien sind angstbesetzt: dazu gehören insbesondere sexuelle Gewaltfantasien (z.B. eigenes Vergewaltigtwerden), aber auch homoerotische Fantasien bei Menschen, die sich selbst eigentlich als heterosexuell sehen wollen. Diese Fantasien sind durchaus angstbesetzt, haben aber letztlich einen eigentümlichen sexuellen Reiz.

    In solchen Fällen lohnt sich eine therapeutische Abklärung, inwieweit sich diese Fantasien auch ohne Angst als Quelle sexueller Lust oder zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit positiv nutzen lassen. Speziell bei schweren aktiven sexuellen Gewaltfantasien ist eine therapeutische Abklärung nötig, inwieweit hier die Gefahr besteht, dass der Betroffene zum tatsächlichen Täter wird und seine Fantasien irgendwann auch in der Realität ausleben muss.

  • Flashbacks und Intrusionen
    Unangenehme sexuelle Gedanken können Erinnerungssplitter von sexuellem Missbrauch und sexueller Misshandlung in der Kindheit oder nach einer Vergewaltigung sein. Oft entwickeln Opfer erst lange nach dem traumatisierenden Ereignis Symptome, die körperlicher Natur sein können (Zittern, Schweißausbruch etc.), aber auch als belastende Gedanken auftreten können: Erinnerungsfragmente, Alpträume, bedrohliche Fantasien…

    In solchen Fällen ist unbedingt der Weg zu einem kompetenten Therapueten erforderlich, der abklärt, ob eine PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) nach Missbrauch vorliegt. Vgl. dazu den ausführlichen Beitrag: Missbrauch und Trauma.

  • Nebensymptom einer Depression
    Grübelzwang und negative Gedanken sind oft Anzeichen für das vorliegen einer depressiven Erkrankung. Da eine spontane Heilung ohne ärztliche und/oder therapuetische Hilfe bei Depressionen eher unwahrscheinlich ist, lohnt sich bei sexuellen Zwangsgedanken auf jeden Fall der Weg zum Arzt oder Therapeuten- allein um das Risiko des Vorliegens einer unerkannten Depression auszuschließen bzw. bei einer Depressions-Diagnose die entsprechenden therapeutischen Möglichkeiten zu nutzen und sicherzustellen, dass sich die Symptome nicht immer weiter verschlechtern.

Sexuelle Zwangsgedanken:
Möglichkeiten der Therapie

Zwangsgedanken müssen nicht sein! Und schon gar nicht im Bereich der Sexualität, die so konstituierend für unser gesamtes menschliches Wohlbefinden ist.

Zwangsgedanken sind zwar für die Betroffenen kaum alleine und ohne Hilfe auflösbar- es gibt aber mittlerweile eine ganze reihe gut erforschter therapeutischer Verfahren (überwiegend aus dem bereich der Verhaltenstherapie), mit denen sich Zwangsgedanken schon in relativ weniger Sitzungen gut in den Griff bekommen lassen.

Das gilt auch für Zwangsgedanken auf sexuellem Gebiet. Es ist daher sinnvoll, sich nicht unnötig lange mit solchen Gedanken herumzuquälen, sondern sich kompetente therapeutische Hilfe zu holen.

Vgl. auch den Artikel:

HOCD (Homosexuelle Zwangsgedanken)

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Wenn Sie dazu weitere Fragen haben, freue ich mich über Ihre Nachricht.

Mit freundlichen Grüßen

© M.Petery.
Dr. rer. biol. hum. Michael Petery

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